Gary Gibson sinkt in die
Tiefen seines Sessels, bis der Schatten die linke Hälfte
seines Gesichts schluckt und die rechte im Schein des elektrischen
Kaminfeuers schimmert, das zu seinen Füßen glüht.
Die Grenze zwischen Hell und Dunkel läuft über Gibsons
Nasenrücken. Es ist eine dramatische Pose, die Gibson einnimmt,
wenn er wieder einmal die Amerikanisierung der Welt verdammt ?
den Reflex, alles und jeden zu verklagen, wenn man sich davon
einen Gewinn verspricht: "Drücke dich vor der Arbeit,
und verklage deinen Boss, wenn er dich entlässt. Fall betrunken
vom Bürgersteig, und verklage die Stadt." So denke man
in Amerika.
Da werde ein blutarmer Lebensstil kultiviert und exportiert durch
Filme, Fernsehserien; ein Lebensstil, der alles verbiete, was
das Leben prall mache. Ein paar dreckige Witze. Ein ordentlicher
Rausch. Eine Schlägerei unter Freunden. Und jetzt habe sich
die "political correctness" eingenistet in den Köpfen
einiger Einwohner von Kirkwall und bedrohe das großartigste
Spiel der Welt. Das Spiel heißt Ba', und er, Gary Gibson,
zweimaliger Ba'?Champion, werde Himmel und Hölle in Bewegung
setzen, um zu verhindern, dass Ba' verboten wird.
Um Ba' zu spielen, braucht man etwa 200 Männer und einen
Ball. Die Männer bilden zwei Mannschaften, jede Mannschaft
wählt einen Ort, an den sie den Ball tragen muss. Zum Beispiel
eine Hauswand am nördlichen Ende der Hauptstraße und
das Hafenbecken im Süden. Zu Beginn des Spiels treffen sich
die beiden Mannschaften auf halber Strecke zwischen wand und Hafen,
und irgendjemand wirft den Ball in die Luft.
In den folgenden Stunden sind 200 Männer zu besichtigen,
die eine schreiende, schwitzende Menschentraube bilden, in deren
Zentrum ein Bedauernswerter steckt, der den Ball trägt. Videos
vergangener Ba's zeigen Männer, die den Ball panisch fortwerfen,
wenn die zwei Hundertschaften auf sie zurennen. Ein Ba' endet,
wenn eine Mannschaft
den Ball ins Ziel bringt. Das kann acht Stunden dauern. Oder länger.
Ist das. Spiel beendet, beginnt die Arbeit der Ärzte, der
Zimmermänner und Dachdecker, denn das Ba' hat keine Regeln,
es existiert kein Schiedsrichter, und das Spielfeld ist das ganze
Dorf. Es gibt nur einen Ball, einen Haufen adrenalinsatter Männer
und eine Menge gebrochener Rippen, ausgekugelter Schultern, eingedrückter
Tore ? und hin und wie?
der ein demoliertes Dach, denn der schnellste und sicherste Weg
vom Start zum Ziel führt über die Häuser. An jedem
anderen Ort der Welt wäre Ba' kein Spiel, sondern öffentlicher
Aufruhr, es würde nicht mit einer Feier enden, sondern mit
einer Gerichtsverhandlung und Verurteilungen.
Historiker glauben, dass Ba' der wilde Urahn von Fußball,
Rugby und American Football ist. Früher wurde Ba' von Wikingern
gespielt, angeblich mit dem Kopf eines Feindes. Heute existiert
es nur noch in dieser Kleinstadt auf den Orkney?Inseln. Seit vielen
Jahrhunderten kommen die Männer am Weihnachtstag und am 1.
Januar auf dem
Marktplatz zusammen, um ein paar Stunden lang guten, altmodischen
Spaß zu haben. In der Lokalzeitung werden Kinder und schwangere
Frauen gebeten, die Straßen zu meiden, in denen sich Spieler
aufhalten. Parkende Autos sollten aus dem Zentrum des Dorfes entfernt
werden. Die Häuser werden mit schweren Holzbalken verbarrikadiert.
So weit, so gut. Doch seit kurzem finden ein paar Bürokraten
in der Bezirksverwaltung all das nicht mehr lustig. Sie wollen
das Spiel nicht mehr genehmigen, weil sie fürchten, verletzte
Spieler könnten sie verklagen und juristisch für die
Verletzungen verantwortlich machen. Für die Bürokraten
ist das Ba' kein volkskundliches Kleinod, sondern so etwas wie
Rülpsen nach fettem Essen, eine schlechte Angewohnheit, die
man besser heute als morgen ablegt.
Ein Sprecher der Verwaltung: "Es gibt zurzeit neue Erwägungen
zum Ba', aber noch möchten wir nichts dazu sagen." Die
Bürokraten fühlen sich belagert.
Gibson glaubt, die Gegner des Spiels wohnten nicht in Kirkwall,
sondern in den umliegenden Dörfern, "wo sie keine Ahnung
haben, was das Ba' ist". Nur die Einwohner von Kirkwall verstünden
das Ba', und nur der Sieger des Ba' kenne das grandiose Gefühl,
nach dem Triumph von seinem Team zum wertvollsten Spieler gewählt,
auf dessen Schultern in den Pub getragen zu werden und den Ba'?Ball
als Trophäe mit nach Hause zu nehmen.
Die beiden Ba'?Bälle, die Gibson gewann, hängen im Wohnzimmerfenster,
neben den dreien, die seine Söhne gewannen. Werden Besucher
durch Kirkwall geführt, zeigt man ihnen die Kathedrale, das
Rathaus, den Hafen und das Fenster in Gibsons Haus. Keine Familie
in Kirkwall hat mehr Ba's gewonnen.
Gary Gibson ist überzeugt, dass Ba' auch in diesem Jahr stattfindet.
Und im nächsten. Und in den kommenden Jahren auch. "Sie
können das Spiel verbieten", sagt Gibson, "aber
sie können es nicht verhindern. Schließlich brauchen
wir nur einen Ball."
Sehr wahrscheinlich hat Gibson Recht. Bislang brauchte es mehr
als ein Verbot der Bezirksverwaltung, um das Spiel zu verhindern.
Das erste Mal fiel das Ba' 1914 bis 1918 aus. Das zweite Mal 1939
bis 1945.
Die Regeln beim Kampf der
Giganten
SPIEGEL ONLINE - 27. Juni 2001 Von Stefan
Hauck
Seine immense Dynamik verdankt
Rugby den seltsamen Regeln. Neulinge brauchen eine Weile, bevor
sich die Verwirrung legt und sie begreifen, worum es bei der Sportart
eigentlich geht.
Rugby ist ein offensiver Mannschaftssport.
In der klassischen Spielvariante wird Rugby mit 15 Spielern pro
Mannschaft gespielt. Im Siebener-Rugby dagegen treten sieben Spieler
pro Mannschaft in zwei Halbzeiten je sieben Minuten gegeneinander
an. Gespielt wird auch das Siebener-Rugby auf einem Feld etwa
von der Größe eines normalen Fußballplatzes (nicht
mehr als 100 Meter lang und nicht breiter als 69 Meter).
Um sich eine genauere Vorstellung
zu machen, hilft es, wenn man sich ein Fußballfeld mit 14
statt 22 Spielern vorstellt. Ein ziemlich einsamer Anblick. Durch
die geringe Spielerzahl entsteht viel freier, bespielbarer Raum.
Damit werden die Spielzüge schneller, und das Spiel bekommt
eine immense Dynamik, vergleichbar mit dem Eishockey. Gefragt
sind schnelle, wendige und konditionsstarke Spieler - große
und massige Sturmspieler sieht man seltener.
Nicht nur das Spielgerät sieht
anders aus als der gewohnte runde Ball, auch die Punktezählung
wirkt ein wenig exotisch. Das Hauptziel: Das Rugby-Ei wird von
einem Spieler in die fünf Meter breite gegnerische Endzone
(Malfeld) getragen und dort abgelegt. Das Ganze nennt man dann
einen "Versuch". Hineinlaufen langt nicht - nur wenn
der Ball auch wirklich abgelegt wird, gibt es fünf Punkte.
Nach einem Versuch kann ein Kicker
der angreifenden Mannschaft noch versuchen, das Ei so zu kicken,
dass es zwischen den beiden Stangen durchfliegt. Diese "Erhöhung"
bringt weitere zwei Punkte.
Außerdem gibt es zwei weitere
Möglichkeiten, Punkte zu erzielen. Sollte es ein Kicker schaffen,
nach einem Straftritt das Rugby-Ei zwischen die Stangen zu platzieren,
zählt das drei Punkte ("Field Goal"). Ebenfalls
drei Punkte bringt ein "Drop-Kick": Ein Spieler lässt
den Ball kurz auf dem Boden aufspringen und versucht dann, ihn
zwischen den Stangen durchzuschießen.
In 14 Minuten Gesamtspielzeit wird
gerannt. Immer wieder vor und zurück, vor und zurück.
Da nur nach hinten gepasst werden darf, müssen sich die Spieler
der angreifenden Mannschaften jedes Mal hinter dem Ballträger
einordnen. Mitunter läuft man vor einem erfolgreichen Versuch
mehr in Richtung des eigenen Malfeldes als in Richtung des gegnerischen
Malfeldes.